Mein heutiger Blogpost hat zum ersten Mal einen indischen Feiertag zum Thema. Vergangene Woche haben wir das Fest “Dussehra” mit unseren Nachbarn, Freunden und vielen Bewohnern unseres Viertels gefeiert.
Dem Dussehra-Fest gingen schon neun Tage Festivitäten voraus. Mich verwunderte diese groβe Festlichkeit zuerst, denn ich hatte gedacht, dass im Herbst alleine das indische Lichterfest Diwali besondere Feierlichkeiten beinhaltet. Aber schnell musste ich erkennen, dass es noch etwas anderes “Groβes” davor gibt. Selbst die Universität hatte anläβlich der Festtage eine Woche Ferien. Eigentlich fanden jeden Abend an den neun Tagen vor Dussehra in unsere Nachbarschaft Pujas statt. Zu Pujas, was das ist und wie man sie begehen kann, schreibe ich nochmals gesondert. Hier und jetzt übersetze ich es einfach mal als Ehrerweisungen, die in kleinen oder gröβeren Gruppen mit mehr oder weniger Pomp begangen werden.
Ich konnte also an den Abenden im Vorfeld von Dussehra schon Gesänge, Musik,

Getrommel und durchaus auch Feuerwerksgeböller hören. Und am Freitag Abend ging es dann zum Dussehra Park. Was mich dort erwartete, überraschte mich ebenso wie es mich auch erstaunte.
Im Park standen drei übermenschlich groβe Figuren, die aus Pappe, Papier oder Pappmache’ erstellt worden waren. Kustvoll gestaltet und bemalt in den schillernsten Farben. Hinter ihren Beinen konnte man getrocknete Palmwedel ausmachen.
Diese Figuren standen hinter einer Absperrung. Vor der Absperrung war auf dem Grün des Dussehra-Parks ein enormes Auditorium entstanden. Unmengen von Stühlen standen in Reih und Glied und davor lagen grüne Teppiche am Boden, ebenfalls als Sitzmöglichkeit gedacht.
Als es allmählich ein bissel dämmerte, trafen kostümierte Schauspieler ein. Ich bin noch nicht wirklich gut in der indischen Mythologie und ich erkenne nur wenige Götter. Aber den Hanuman, den Gott in Affengestalt, den habe ich in jener Gruppe anhand seines braunen Felles und den affenartigen Schwanz erkannt. Nachdem alle Schauspieler sich auf der Bühne an der Seite des abgesperrten Teiles bzw. auf jenem abgesperrten Platz um die riesigen Pappfiguren eingefunden hatten, begann ein Schauspiel.

Es wurde sich gejagt und bekämpft. Man konnte sehen, dass auch die vielen Kinderschauspieler enorm stolz, aufgeregt und erfreut waren, dass sie Teil dieser Aufführung waren. Auf der Bühne erzählten die Hauptfiguren mit sehr imposantem zum Teil sogar furchteinflöβendem Gebahren, die Geschichte, die sich hinter dem Fest Dussehra verbirgt.
Welche Geschichte ist das? Ich versuche es mal mit meinen eigenen Worten so wiederzugeben, wie ich es verstanden habe.

Bei einer der Hauptfiguren der Geschichte handelt es sich um Ravana, einen Dämonenkönig. Er hat durch spirituelle Askese so viel spirituelle Energie und hitzige Kraft (Tapas) angehäuft, dass er damit die Götter herausfordert. Diese fühlen sich gestört und um ihren Frieden gebracht. Um diesen wiederherzustellen und ihre Ruhe zu haben, gewährt Brahma, der Schöpfer-Gott, Ravana einen Wunsch.
Dieser hat einen groβen Wunsch, denn er möchte unbesiegbar sein. Er wünscht sich, dass er nicht von Göttern, Dämonen oder Geistern besiegt werden kann. Auβerdem soll er am Tag wie auch in der Nacht bezwingbar sein. Dieser Wunsch wird ihm erfüllt. Er ist sich sicher, er hat bei seinem Wunsch an alles gedacht.
Im festen Glauben, dass er nun unbesiegbar ist, wird Ravana übermütig und entführt Sita, die Frau Ramas. Rama ist eine Inkarnation des Gottes Vishnu. Inkarnation heiβt soviel wie Fleischwerdung oder Menschwerdung. Mit seiner unrechten Tat, der Entführung Sitas, wie auch durch seine Machtanhäufung, die er für Unrechtes nutzt, bringt Ravana das universale Gleichgewicht in Schieflage. Das Böse ist zu stark geworden. Dagegen muss vorgegangen werden, so dass alles wieder in Harmonie ist.

Das ruft Rama auf den Plan. Zum einen ist er persönlich betroffen, da seine Frau entführt wurde. Aber auch entscheidend: bei Rama handelt es sich auch um einen Menschen. Durch Ravanas völlige Selbstüberschätzung hat er in seinem Wunsch nach Unbesiegbarkeit zwar an Götter, Dämonen und Geister gedacht, aber die Menschen nicht mit einbezogen. So zieht Rama, unterstützt von Hanuman, in den Kampf gegen Ravana und besiegt jenen genau in dem Augenblick des Zwielichtes, also jenem Moment, in dem der Tag geht und die Nacht kommt, aber es noch nicht Nacht ist. Das Gute siegt über das Böse und das universale Gleichgewicht ist wieder hergestellt.

Der Sieg des Guten, das wird an Dussehra im Norden Indiens gefeiert. Und wie das gefeiert wird! Bei uns würde man sagen mit Pauken und Trompeten. In meinem Beiwohnen wurde es hier mit Feuer, ohrenbetäubendem Lärm und vielen Feuerwerkskörpern bejubelt. So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Die getrockneten Palmwedel, die unter den riesigen Figuren standen, wurden angezündet. Sofort ging das Feuer über auf die Puppen selbst und ebenso augenblicklich standen sie völligst in Flammen. Ich vermute, dass da auch Brandbeschleuniger mit am Werk waren. Durch diese Flammenflut wurden sehr viele laute Feuerwerksknaller entzündet und gaben der Hitze- und Flammenwelle noch das entsprechend bedrohliche Lärmspektakel. Dieses hörbare, fühlbare und sichtbare Erlebnis war beeindruckend und furchteinflössend zugleich. Sehr imposant!
Natürlich. Der indische Sicherheitsstandard während dieser Festivität unterscheidet sich schon deutlich von dem deutschen, ganz zu schweigen von dem amerikanischen. In Deutschland hätten bestimmt einige Feuerwehrautos mit Löschtanks deneben gestanden, in den USA wäre so etwas wahrscheinlich erst gar nicht erlaubt gewesen. Es war also ein Wagnis, vor allem, wenn man in der ersten Reihe sitzt, aber ein Wagnis der besonderen Art! 😉

Bleibt abschlieβend noch die Frage zu beantworten, warum man nun eigentlich diese wunderhübchen Figuren ansteckt? Diese Puppen stellen Ravana, Kumbhkaran (Ravanas Bruder) und Meghnad (Ravanas ältesten Sohn) dar und symbolisieren somit das Böse. Indem sie in Flammen aufgehen, wird verdeutlich, dass das Böse bezwungen ist. Das Gute siegt.
In diesem Geiste verabschiede ich mir hier mit einem herzlichen “Namaste”!