Social Distancing und Lockdown für knapp ein Fünftel der Welt

Heute komme ich nun zum ersten Mal zu dem Thema, das derzeit die ganze Welt bewegt. Corona. Natürlich ist diese Viruserkrankung auch in Indien das Thema Nummer eins. Wie alle anderen Staaten dieser Erde versucht auch Indien, so gut es geht mit dieser Erkrankung umzugehen und Herr über sie zu werden. Allerdings hat Indien dabei andere Voraussetzungen als z.B. Deutschland oder andere Länder Europas, wo die Fallzahlen niedrig sind – ja, und eigentlich hat Indien auch ganz andere Voraussetzungen als z.B. die USA, obwohl Indien weiterhin noch hinter den USA-Fallzahlen zurück liegt, zumindest nach offiziellen Zahlen an dem Tag, an dem ich diese Zeilen schreibe. Das kann sich ja sehr schnell ändern.

Was macht die Situation so anders? Ganz besonders ist dabei die Bevölkerungszahl hervorzuheben. Indiens Bevölkerung wird derzeit in etwa auf 1,38 Milliarden Menschen geschätzt. Damit ist Indien das zweitbevölkerungsreichste Land dieser Erde nach China. Schätzungen gehen davon aus, dass Indien China schon im Jahre 2022 überholt haben kann und dann das bevölkerungsreichste Land der Erde sein wird. Indien stellt aktuell etwa 17,7% der Weltbevölkerung bei gerade mal 2% der Landfläche auf unserem Globus und die Zahl wird steigen. Was heißt das nun für die Bevölkerungsdichte? Ich habe mich jetzt einmal an die Zahlen von https://www.worldometers.info/geography  gehalten und errechnet, dass durchschnittlich auf einem Quadratkilometer 4640,4 Menschen leben. Allerdings muss man dabei beachten, dass sich in Indien, wie in anderen Ländern auch, die Menschen natürlich nicht gleichmäßig verteilen. In Ballungsräumen wie Delhi und Mumbai (neben weiteren Städten) leben viel mehr Menschen auf einem Quadratkilometer als etwa in den nördlichen Bundesstaaten inmitten des Himalayas. Ich habe online Zahlen für Delhi aus dem Jahre 2011 gefunden, die besagen, dass auf einem Quadratkilometer 11.320 Menschen leben. Die Zahl dürfte aktuell noch deutlich höher sein.

Das war jetzt mal ein sehr zahlenlastiger Einstieg – was heißt das konkret? Es heißt: In dieser Stadt trifft man immer und überall auf Menschen. Es ist überall voller. Überall ist mehr Gedrängel und manchmal muss man sich auch einfach nach vorne durchdrücken (selbst wenn es nicht in der eigenen Natur liegt), um an der Reihe zu sein.  Deutlich bemerkbar machen sich dabei die unterschiedlichen sozialen Schichten. Während es in besser gestellten Wohnvierteln größere Wohnungen gibt, sowie breitere Straßen, Parks und auch Platz, so knubbelt es sich an anderer Stelle sehr stark. Viele Menschen leben auf engstem Raum. Das bietet beste Voraussetzungen für den Virus, sich von einem Menschen zum nächsten auszubreiten.

Um diese Ausbreitung stark zu verlangsamen, griff die indische Regierung zu einer drastischen Maßnahme. In einer Übernachtaktion wurde am 24. März dieses Jahres (2020) ganz Indien, also alle 1,38 Milliarden Menschen, unter strickten Lockdown gestellt. Das bedeutete, dass sich ganz Indien von einem Tag auf den anderen in kompletter Ausgangssperre befand. Wir durften lediglich zum nächstgelegenen Laden gehen, um uns mit Lebensmitteln zu versorgen.

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Einkauf ist erledigt. Die Strassen sind leer.

Auch zu Apotheken oder Ärzten durfte gegangen werden, aber alles darüber hinaus war untersagt. Selbst das Umherwandeln in der Nachbarschaft, also bissel Füße vertreten, war nahezu unmöglich, außer man griff auf die Ausrede zurück, man gehe zum Milchmann. Da das für einige Menschen nicht so einfach zu verstehen war, wurden z.B. in unserer Nachbarschaft auch alle Parkeingänge mit Eisenketten verschlossen. Eine überfüllte Stadt wurde über Nacht nahezu zur Geisterstadt! Es war so ruhig. Unglaublich ruhig. Man hörte nicht mehr das so typische Gehupe, es flogen keine Flugzeuge und somit gab es auch keinen Flugzeuglärm mehr, keine Roller oder Motorräder knatterten mehr vorbei, an keiner Baustelle hämmerte es mehr vor sich hin. Dafür stellten sich schnell gute Luftwerte ein und wir hörten die Vögel in voller Lautstärke ihre Lieder trillern. Also um uns herum herrschte nur im Sinne der modernen Zivilisation Geisterstadt, ansonsten war es so lebendig wie wir es zuvor nie wahrnehmen konnten.

Aber dieser ad hoc Lockdown, der für uns Ruhe, Naturerleben und auch (teilweise) weniger Terminverpflichtungen brachte, hatte neben der für uns schönen Seite der Medaille eine sehr dramatische und traurige, schattige Seite. Ich deute hier die Situation der Wanderarbeiter nur an, die aus schierer Not, ihr Überleben nicht mehr verdingen zu können, in Scharen die Großstädte verließen. Diese menschliche Tragödie ist so ein großes und eigenes Thema, dass ich an anderer Stelle isoliert und ausführlicher behandeln möchte, daher komme ich hier wieder auf den Lockdown und das Social Distancing zurück.

Also, bei dieser hohen Bevölkerungsdichte trifft man selbst bei Ausgangsperre auf viele Menschen etwa beim Einkauf im nächstgelegenen Gemüse- oder Tante-Emma-Laden. Wie also damit umgehen, dass sich nicht 10-20 Leute auf engstem Raum* im Laden über die Füße steigen? Ganz einfach: Man pinselt mit Farbe Wartekreise auf den Platz vor dem Laden auf, in die man sich stellt und dann Kreis für Kreis nach vorne rückt, bis man ganz vorne und dann an der Reihe ist, den Laden zu betreten. Diese pragmatische Art gefällt mir an Indien.

An diese Markierungen und den Abstand hielten sich auch wirklich alle (zumindest dort, wo wir waren). Ich, die sich nicht nur einmal durch Geknäuel an Menschen an Metrostationen mit zwei Kindern schlagen musste, hatte mir das zuvor kaum vorstellen können. Ich vermag nicht zu sagen, ob es an der Angst vor der Krankheit lag, die alle Menschen befallen hatte, oder ob es an der Polizei- und Militärpräsenz lag, die aller Orten zu beobachten war. Beides denkbar.

Auch wurde die Aufforderung, Masken zu tragen, zumindest in unserem Radius in allen sozialen Schichten nahezu hundertprozentig befolgt. Leider stellen wir jetzt – der Lockdown ist nach 12 Wochen wieder aufgehoben worden – vermehrt fest, dass die Sicherheitsvorkehrungen, Abstand halten und Masken tragen zunehmend nicht länger beachtet werden. Natürlich ist es extrem unangenehm bei nahezu täglich 40 Grad mit einer Maske draußen herumzulaufen, ja gar schwer zu arbeiten. Der Schweiß sammelt sich darin, das Atmen ist erschwert. Mehr und mehr Menschen tragen die Maske nicht richtig. Sie tragen sie unterhalb der Nase, oder gleich unten am Kinn. Am unverständlichsten ist mir, wenn ich Menschen sehe, die ihre Maske galant am Handgelenk tragen. Wen oder was soll sie dort schützen? Auch diese Unart des Maskentragens findet sich wieder schichtenübergreifend. Man sieht es beim Straßenfeger, bei der Bausteineträgerin ebenso wie beim Jogger in Markenklamotten und dem Walker mit der Rolex am Arm. Es ist ein großes Problem, vor allem bei stetig steigenden Fallzahlen und einem Gesundheitssystem, das den Anforderungen einer solch großen Bevölkerungszahl nicht gewachsen ist.

Ich möchte aber nicht auf einer ganz so negativen Note enden. Es gibt weiterhin viele Menschen, die sich genau an die Empfehlungen halten. Sie tragen ihren Mundschutz korrekt und halten Abstand. Die Sorge aufgrund des Virus ist universell. Hoffentlich gelingt es Indien, die Krankheit so lange wie möglich in Schach zu halten. Das wünsche ich diesem faszinierenden Land und allen Menschen, die darin leben.

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*[Für alle, die noch nicht in Indien waren: engster Raum ist hierbei wirklich wörtlich zu nehmen. Stellt Euch eine kleine Garage vor. Ein großer Laden ist vielleicht höchstens eine Doppelgarage groß – auf keinen Fall grösser.]

Einen herzlichen Dank an Euch, I., I.  und R., für Eure Unterstützung mit Photomaterial. ❤

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