Von Monsoon und Blitzableitern

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„Little Lady, if I may …“

Mit meinem ersten Eintrag möchte ich mich der Jahreszeit widmen, es ist nämlich Monsoonzeit. Für den indischen Subkontinent eine enorm wichtige Zeit, welche auch katastrophale Ausmaβe annehmen kann. Doch dazu später mehr, an einem anderen Tag.

Die Wichtigkeit dieser Jahreszeit wird auch an der Bennennung des Universitätssemesters deutlich. So heiβt das im August beginnende Semester nicht Herbst- oder Wintersemester, wie etwa in Deutschland oder den USA, sondern es trägt den Namen Monsoon-Semester. In der Monsoonzeit können einer Halbwüste ähnelnde Räume ergrünen und wunderbar fruchtbaren Boden hervorbringen. Damit wird deutlich, dass für die Menschen jener Regionen dieser Regen von groβer Wichtigkeit ist. Mit diesen Regenfällen wird die Ernte für ein ganzes Jahr sichergestellt. Daraus folgt: Wenn der Monsoon ausbleibt bzw. nicht die Mengen an Wasser oder gar viel zu viel Wasser bringt, alles überflutet, dann ist die Ernährung einer beträchtlichen Bevölkerungsmenge stark gefährdet und groβer Hunger ist das Ergebnis.

Bevor wir in Neu Delhi ankamen, hatte ich mich mental schon auf den Monsoon vorbereitet. (Dachte ich.) Ich sah mich vor meinem inneren Auge schon, permanent mit dem Regenschirm umherlaufen, der eigentlich nur meinen Kopf vor der herabstürzenden Nässe schützt. Ich hatte versucht, mich regenbedingt auf permanent an meinem Körper klebende Kleidung einzustellen. Aber schnell stellte ich fest: Ganz falsche Vorstellungen. Ich hatte damit gerechnet, dass es eigentlich täglich regnet und dann nicht nur in einzelnen Tropfen sondern eher wie aus Kübeln schüttet. Aber das ist nicht der Fall, jedenfalls nicht in Neu Delhi oder in Haryana, ein im Norden an Delhi angrenzender Bundesstaat.  Wir haben noch nicht wirklich viele Regentage miterlebt. Wenn es regnet, dann ist es schon mit einem kräftigen Landregen zu vergleichen, aber es ist nicht, wie man sich ‘monsoonartig’ vielleicht vorstellt. Oder zumindest wie ich ihn mir vorstellte.

Es ist aber sehr häufig wolkenverhangen und grau oder zumindest gräulich. Ich glaube, es hat zehn Tage gedauert, bis ich zum ersten Mal einen blauen Himmel über Indien gesehen habe, der diese Nennung verdient. Das war eine sehr deprimierende aber vor allem merkwürdige Erfahrung. In Deutschland oder auch in jenem Teil der USA, der mir sehr vertraut ist, da ist es so, dass es heiβ ist, wenn die Sonne vom Himmel herunterstrahlt. Wenn sich der Himmel dann hitzebedingt mit Wolken zuzieht, dann ist oft ein Gewitter oder Regen nicht weit. So nicht hier. Es ist grau, verhangen und sehr warm und dies Tag für Tag für Tag aber Regen oder ein Gewitter lassen sich eher seltener blicken. Dennoch kleben die Klamotten am Körper, allerdings nicht, wie erwartet, dem Regen geschuldet.

Wenn es dann aber mal gewittert, dann richtig. So wie vor einigen Tagen mitten in der Nacht. Wir alle wurden von den hellen Blitzen und dann den markerschütternden Donnern aus dem Schlaf gerüttelt. Das Grollen der Donner war noch lange zu hören und wurden oft von einem neuen Blitz mit sofortigem Donnerknall abgelöst. Der Regen war nicht so sehr beängstigend, aber die Geräuschkulisse war immens beeindruckend.

Als ein Donner sich in Form eines besonders lautem Knall seinen Weg bahnte, war meine Tochter komplett auβer sich. Sie musste einmal laut aufschreien. Als sie wieder Luft geholt hatte, brach in völliger Verzweiflung eine Frage aus ihr heraus: “Haben die hier in Indien auch Blitzableiter?”

Mmmh, gute Frage dachte ich…aber nur eine Millisekunde lang. Denn als tröstende Mutter erfolgte sofort: “Ja, klar gibt es hier auch Blitzableiter! Du must gar keine Angst haben!” Aber innerlich ratterte diese Frage in mir weiter, denn einen Blitzableiter hatte ich hier noch nirgends gesehen. Gut, ich muss zugeben, bis zur Frage meiner Tochter hatte ich meine Augen diesbezüglich auch noch nicht ausschweifen lassen. Und in Indien gibt es wahrlich genug anderes, das die Augen in seinen Bann zu ziehen vermag.

Aber jetzt hatte ich einen neuen ‘innerlichen’ Auftrag. Zuerst googelte ich am nächsten Morgen und stellte erfreut fest: Ich hatte nicht geflunkert. Es gibt Blitzableiter. Während der folgenden Taxifahrt lieβ ich meine Augen die Häuser absuchen. Mmmh, Blitzableiter konnte ich nicht viele erblicken…erst einmal. Doch mit der Zeit stellte ich fest, dass es mit den Blitzableitern so ist wie mit vielem hier in Indien. Die hohen, schickeren, meist auch teureren Häuser bei diesen konnte ich meist eine Konstruktion ausmachen, die ein Blitzableiter hätte sein können. Allerdings auf den etwas einfacheren Häusern, auf den Hütten, ganz zu schweigen von den Zeltkolonien, dort habe ich keine solche Konstruktion entdeckt. Dort scheint es, keinen oder nur wenig Schutz gegen Blitzeinschläge zu geben. Das Thema der Zweiklassengesellschaft (oder eher noch mehr Klassen) werde ich sicher noch häufiger aufgreifen. Es begegnet einem in Indien immer und überall.

Aber heute schlieβe ich an dieser Stelle mit einem ‘Namaste’! Bald mehr von mir.

Ein Kommentar zu „Von Monsoon und Blitzableitern

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